Planungs- und Ausführungszeit: 2003 - 2005, Neubau (
Ein Neubau ist ein neu gebautes Haus, welches den Begriff teilweise bis zu dem Zeitpunkt der ersten aufwendigen Sanierung trägt.) einer Privatbibliothek
Mit dem Wunsch der Bauherren nach einer Eigenheimumgestaltung stellte sich uns eine spannende Entwurfsfrage. Wie können wir dem Ehepaar, das mit dem Besitz von zahlreichen Büchern eine sehr persönliche Beziehung zur Literatur aufzeigt, eine adäquate Planung garantieren? Wie kann das Buch als solches, mit seiner starren Hülle und seinem inhaltlich weichem Kern, einen Raum definieren und Thema der Architektur (
Architektur ist eine, auf Technik basierende, Kunstform und wird oft auf Grund der Namensherkunft als „Erstes Handwerk“ bezeichnet.) des Anbaus werden?
Die Planung war ein fruchtbarer Dialog zwischen Architekt und Kunde
Ein zweigeschossiger, transparenter Stahl-/Glaskubus als rückgratbildender Buchrücken, der sich nach innen wie außen mit dem warmen Inhalt der Literatur präsentiert, stellte in Form von raumhohen Büchertürmen die Thematik des Planungs-Entwurfs. Wir haben mit dem Anbau (
Der Anbau ist ein neues, möglichst an den Bestand angepasstes, architektonisches Volumen, das fest mit dem vorherigen Bau verbunden ist.) an das Haus die Bücher und somit diese prächtige Enzyklopädie des Wissens nach außen hin sichtbar gemacht. Eine analog zum Thema des Buches gestaltete Dachfläche, im Sinne eines literarischen Gartens, ergänzt die Entwurfsidee und lässt Außen- und Innenraum ineinander fließen. Doch vor dem architektonischen wie literarischen Glück kam der Abbruch.
Wie ein Literat seine Geschichte, muss ein Architekt seine Planung behutsam entwickeln
Wir haben in der Außengestaltung bewusst die „Unfarbe“ Schwarz gewählt, um die Bescheidenheit, die Introvertiertheit und auch die Vergeistigung nach außen zu tragen und um den inneren Werten – dem Buch selbst – die Farbe nicht zu nehmen. Der Einblick in die Welt der Bücher und die Beschäftigung damit brachte uns auf die Idee eines Grabungsfeldes. Wir kennen aus Rom, Venedig oder auch Paris historische Gebäude, die mit der Geschichte immer dann konfrontiert werden, wenn sie durch zufällig oder auch bewusste Grabungsarbeiten freigelegt werden. Diese Thematik haben wir im Innenraum des zweigeschossigen Kubus mit Glasfugen an den Längsseiten aufgenommen, da eine zweite Nutzungsebene gewünscht war.
Aus dem Ursprungsentwurf war stets der Gedanke da, das Stapeln der Bücher zu thematisieren und das Wissen in einem Turm bis in den Himmel anzuhäufen. Ein Eigenheim aus Wissen, Geschichten und Geschichte. Wenn man in vielen Jahren diese Bibliothek betritt, auf der Schiebeleiter sitzt oder die Katzentreppe hochsteigt und sich an den Zeitpunkt der Erstellung erinnert und die Energie noch spürbar ist, dann war es zum Zeitpunkt der Erstellung keine Verirrung.
Ich möchte mich auf diesem Wege bei meinen Bauherren in diesem Projekt für ihren Mut bedanken.
Der Bücherturm zu Nürnberg
Indem wir des Architekten Du auf- und annahmen fanden wir drei – Architekt und Bauherren-Paar – uns alsbald in einer entspannten und kreativen Atmosphäre wieder. In dieser gewann des Architekten Bleistift magische Kräfte und zahlreiche Skizzen und Vignetten entfalteten vor unseren Augen virtuelle Welten zur Designation und Auswahl; sie „hintergründeten“ unsere „Wortwelt“ (Morgenstern, Theater).
So entwickelten wir drei eine gemeinsame – „unsere“ – Sprache („da tauts, da grauts, da brauts, da blauts“; Morgenstern, Bundeslied der Galgenbrüder) und so nahm in einer Folge verständnisvoller Gespräche der Turm der Bücher Gestalt an, als ein realer Ort der Verständigung und des Verstehens: Unsere gemeinsame bildgestützte Sprache schützte uns vor der „Sprachverwirrung“ beim Turmbau zu Babel (Gen. 11, 1-9).
Der „Turmbau zu Nürnberg“ ist fertiggestellt worden und steht als ein Konstrukt „von betörender Gleichmäßigkeit und überzeugender Vielfalt“ (M.K. in Architektouren 2006, p. 216). Er dient uns beiden heute als Lebens- und Leseraum und damit als Mittelpunkt unseres Lebens.
Nürnberg, 13.04.09 GJH und EWJ